Jeden Tag unterscheiden wir viele Male gut und schlecht
auf der Grundlage eines Maßstabs, der sich in uns gebildet hat
aufgrund von Erziehung, Lebensbedingungen und Lebenserfahrung.
Und natürlich brauchen wir einen solchen inneren Maßstab.
Gleichzeitig müssen wir wissen, dass, so gut und idealistisch
unser Maßstab auch sein mag, er dennoch nur ein Maßstab ist
und nicht Leben und Tod umfasst.

Es gibt den Ausdruck „nach menschlichem Ermessen“, und das bedeutet,
wir und unser Maßstab sind nicht Gott. Doch vom Standpunkt
des Zazen aus gibt es den Moment, wo ich und Gott vergessen sind.
Dieses „ich und Gott sind vergessen“ relativiert nicht gut und schlecht,
sondern es ist einfach der Geist, der über gut und schlecht hinausgeht.
Und im Leben handeln wir nach menschlichem Ermessen, so gut es geht.
Und es kommt des Öfteren vor, dass wir unseren Maßstab korrigieren
müssen oder korrigieren wollen.

Doch das „Über-gut-und-schlecht-Hinausgehen“ wird nicht fabriziert - da ist niemand.
Es ist ein Ereignis der Stille.


Aus Kusen-Heft Nr.: 138 "Stille und Leerheit",
2016,von L.Tenryu Tenbreul